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Montag, 16. Februar 2026 · Ausgabe Nr. 109

Warum Veränderungen so schwierig sind

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In dieser Ausgabe

Erforscht, warum Veränderungen schwierig sind, und entlarvt die Vorstellung, dass Widerstand auf Faulheit beruht. Es wird das „Immunity to Change"-Modell von Kegan und Lahey vorgestellt, das besagt, dass ein internes System den Einzelnen schützt und Veränderungen behindert. Das Modell skizziert vier Ebenen: Verbesserungsziele, untergrabende Verhaltensweisen, versteckte konkurrierende Verpflichtungen und zugrunde liegende Annahmen, die einen Rahmen zum Verständnis des Veränderungswiderstands bieten.

«Menschen scheitern an Veränderungen nicht, weil sie nicht wollen. Sie scheitern, weil sich ein inneres System schützend vor sie stellt.»

Liebe Freunde,

Diese Woche sprechen wir darüber, warum Veränderung so schwierig ist. Nur so viel: Es liegt nicht daran, dass Menschen faul sind oder sich nicht verändern möchten.

Dieses Modell erklärt, warum Veränderung so schwierig ist

In der Theorie ist Veränderung erstaunlich einfach.

Viele klassische Change-Modelle folgen einer sogenannten linearen Logik: Ein Mensch zeigt Verhalten A. Er erkennt, dass Verhalten B sinnvoller wäre. Also ersetzt er A durch B.

Das klinkt rational. Nur erleben wir in der Realität selten genau diesen Ablauf.

Führungskräfte wissen, dass sie mehr delegieren sollten - und verfallen trotzdem in Mikromanagement.

Teams verstehen rein rational, dass es wichtig wäre zu widersprechen, zu debattieren und konstruktiv zu “streiten” - und bleiben dann in kritischen Momenten trotzdem still.

Offensichtlich reicht Einsicht allein nicht aus.

Ein Modell, das diese Diskrepanz sehr klar beschreibt, ist das Immunity to Change Modell von Robert Kegan und Lisa Lahey. Die Kernbotschaft lautet: Menschen scheitern nicht an Veränderung, weil sie nicht wollen. Sie scheitern, weil ein inneres System sie schützt.

Das Modell lässt sich wie eine innere Landkarte der Gedankenwelt eines Menschen verstehen, die aus vier Ebenen besteht.

1) Das Verbesserungsziel

Das ist das, was wir bewusst sagen

„Ich möchte mehr delegieren.“

„Ich will häufiger Feedback geben - auch negatives.“

„Wir wollen innovativer werden.“

Wichtig: Diese Ziele sind meistens ehrlich gemeint.

2) Verhaltensweisen, die das Ziel unterlaufen

Hier beginnt die Spannung.

Die Führungskraft delegiert - greift aber ständig korrigierend ein.

Die Mitarbeiterin möchte sichtbarer sein - meldet sich aber nicht zu Wort.

Das Unternehmen fordert Innovation - sanktioniert jedoch Scheitern.

Auch hier wichtig: Diese Muster sind selten böse Absicht. Sie sind oft automatisiert und tief eingeübt.

3) Verborgene widersprüchliche Verpflichtungen (engl. hidden competing commitments)

Unter dem sichtbaren Ziel liegt häufig eine zweite, stärkere Verpflichtung - eine eher unbewusste, die nicht offen ausgesprochen wird.

Zum Beispiel

„Ich darf nicht inkompetent wirken.“

„Ich muss die Kontrolle behalten.“

„Ich will auf keinen Fall Konflikte auslösen.“

„Ich muss als unverzichtbar gelten.“

Diese Commitments konkurrieren mit dem eigentlichen Veränderungsziel.

So entsteht ein innerer Konflikt: Ich will delegieren. Und gleichzeitig will ich niemals den Eindruck erwecken, die Kontrolle zu verlieren.

Beide Ziele fühlen sich wichtig an. Das Schutz-Ziel gewinnt aber.

4) Noch tiefer liegen grundlegende Annahmen

Unter diesen verborgenen Verpflichtungen finden sich oft Überzeugungen, die wie Fakten wirken:

„Wenn ich delegiere, verliere ich an Autorität.“

„Wenn ich widerspreche, werde ich abgelehnt.“

„Wenn wir Fehler zulassen, schadet das unserem Ruf.“

„Wenn ich nicht alles kontrolliere, bricht das System auseinander.“

Diese Annahmen werden selten überprüft. Sie wirken im Hintergrund - und steuern Verhalten.

Warum das Ganze „Immunität“ heisst

Der Begriff ist bewusst gewählt. Unser körperliches Immunsystem reagiert automatisch auf alles, was es als Bedrohung identifiziert. Es schützt das bestehende System, selbst wenn die Reaktion manchmal übertrieben ist.

Psychologisch geschieht hier etwas Ähnliches. Wenn eine Veränderung unsere Identität bedroht - also unser Bild von uns selbst, unseren Status oder unser Sicherheitsgefühl - reagiert unser inneres System - aus Schutz.

Was bedeutet das für Bedeutung für Führung?

In Organisationen wird Widerstand oft falsch gedeutet. Man denkt, Menschen hätten es nicht verstanden, seien nicht motiviert, blockierten aus politischen Gründen, seien grundsätzlich schwierig.

Das Modell bietet eine alternative Erklärung. Widerstand ist häufig Identitätsschutz.

Deshalb greifen viele Transformationsprogramme zu kurz. Man arbeitet an neuen Prozessen, klareren KPIs, höherem Druck oder stärkeren Kontrollmechanismen

Aber man ignoriert: Statusängste, Angst vor Gesichtsverlust, Unsicherheit über die eigene Rolle, Machtverschiebungen im System.

Solange diese Ebene unangetastet bleibt, bleibt auch das Verhalten stabil.

Ein klassisches Beispiel

Eine Führungskraft sagt: „Ich wünsche mir mehr Widerspruch im Team.“

Sobald jedoch jemand kritisch nachfragt, reagiert sie defensiv oder relativiert den Einwand.

Mögliche verborgene Verpflichtung: „Ich muss als souverän und kompetent wahrgenommen werden.“

Mögliche Annahme: „Wenn mich jemand offen in Frage stellt, verliere ich Autorität.“

Solange diese Annahme nicht reflektiert wird, wird sich das System nicht verändern - ganz gleich, wie oft man Offenheit einfordert.

Auch Organisationen entwickeln eine Immunität.

Das Phänomen existiert nicht nur individuell, sondern auch kollektiv.

Ein Unternehmen betont Innovationskraft, befördert jedoch vor allem risikoscheue Führungskräfte und belohnt Planbarkeit stärker als Experimentierfreude.

Vielleicht ist also die wichtigste Frage in Veränderungsprozessen nicht: „Warum leisten sie Widerstand?“

Sondern: „Was schützt dieses Verhalten?“

Diese Frage verändert die Qualität der Diskussion. Widerstand wird nicht mehr als Problem betrachtet, das man brechen muss, sondern als Signal, das verstanden werden sollte.

Menschen wehren sich selten gegen Veränderung an sich. Sie wehren sich gegen Bedrohungen ihrer Identität. Und solange wir nur auf Verhalten und Prozesse schauen, werden wir viele dieser Dynamiken übersehen.

Eine Frage für dich

Wo erlebt Ihr in Eurem Umfeld Widerstand - und was könnte dieser Widerstand in Wahrheit schützen?

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