Montag, 15. September 2025 · Ausgabe Nr. 90
Das Polgar-Experiment: Wie man Höchstleistungen erzielt
Laszlo Polgars radikale Theorie besagt, dass Genialität nicht angeboren ist, sondern durch gezielte Entwicklung kultiviert wird. Dies führte zu seinem „Polgar-Experiment", bei dem er und seine Frau ihre drei Töchter zu Hause zu Schachgroßmeisterinnen ausbildeten. Polgar schuf ein Hochleistungsumfeld, das sich auf Verspieltheit, Neugier und bewusstes Üben konzentrierte, und bewies, dass anhaltende, fokussierte Anstrengung außergewöhnliches Talent formt.
«Genialität wird nicht geboren, sondern durch gezielte Entwicklung und ein unterstützendes Hochleistungsumfeld gemacht.»
Liebe Freunde,
Diese Woche erzählen wir die Geschichte von Laszlo Polgar und einem der interessantesten Experimente im Bereich High Performance.
Wie entstehen Genies - Talent oder Training?
In den 1960er Jahren vertrat Laszlo Polgar - ein junger Pädagoge und Psychologe - eine damals radikale These: Genies werden nicht geboren - sie werden gemacht.
Bis dahin war die gängie Meinung, dass Menschen als Genies geboren werden. Doch Polgar widersprach.
Er glaubte, dass jedes Kind zum Genie werden kann, wenn man es von klein auf gezielt fördert.
Und er beschloss, das zu beweisen - mit einem Experiment mit seinen eigenen Kindern.
Polgar suchte ein Feld, das objektiv messbar war (also kein Feld, das eine subjektive Bewertung zuliess wie Kunst oder Literatur). Seine Wahl fiel auf Schach.
Also beschloss er zusammen mit seiner Frau, dass sie ihre drei Töchter zu Schachmeisterinnen erziehen würden.
Um dies zu erreichen musste Polgar Zuhause ein passendes Umfeld schaffen. So gab es in der Wohnung der Polgars viele Regale volle Schachbücher und in jedem Raum lagen Schachbretter.
Doch das alleine reichte natürlich nicht.
Polgar beschloss die Kinder nicht in die öffentliche Schule zu schicken und unterrichteten sie stattdessen von zu Hause aus.
Und es wurde täglich stundenlang Schach gespielt. Beim Frühstück gab es Gespräche über berühmte Schachpartien und ständig wurden spielerisch Schachrätsel gelöst.
Trotz des harten Trainings betonte Polgar jedoch auch die Spielfreude, Neugier und das gemeinsame Lernen. Die Töchter sagten Jahre später, dass sie eine sehr schöne Kindheit hatten und dass sie zu nichts gezwungen wurden. Und es gab zum Ausgleich auch sportliche Einheiten.
Beim Training setzte Polgar auf ‘deliberate practice’ - also dem bewussten Üben. Es gab einen detaillierten Trainingsplan. Und die Kinder führten Trainings-Tagebücher, in denen sie jede ihrer eigenen Partien analysierten. Ausserdem wurden die Übungen immer schwieriger.
Er führte ausserdem eine positive Fehlerkultur ein. Fehler wurden nicht bestraft, sondern als Lernchance gesehen.
Das Ergebnis?
Die älteste Tochter Susan wurde die erste Frau, die den Titel des Grossmeisters erlangte. Weniger als 0.00002% aller Schachspieler erreichen diesen Titel. Von 1996 bis 1999 war sie ausserdem Weltmeisterin.
Die zweite Tochter Sofia hatte ebenfalls frühe Erfolge (u.a. U14 Weltmeisterin) - hat sich jedoch dann ganz aus dem Schachspiel zurückgezogen. Sie ist jedoch als Künstlerin sehr erfolgreich.
Doch es war die jüngste Tochter Judit, die die höchsten Erfolge erzielte. Mit 15 Jahren wurde sie damals zur jüngsten Grossmeisterin aller Zeiten (sie war damals jünger als der legendäre Bobby Fischer) und gewann ebenfalls mehrere Weltmeistertitel. Und sie schlug einige der grössten Schachspieler aller Zeiten wie Kasparov und Anand. Sie gilt als beste Schachspielerin aller Zeiten.
Polgar hatte also recht. Er hatte bewiesen, dass man Kinder zu Genies “erziehen” konnte.
Was hat das aller mit Leadership zu tun?
1) Umfeld schlägt Talent Polgar hat gezeigt: Mit der richtigen Kultur - es war nichts anderes, was er Zuhause gefördert hatte - kann jeder Person Weltklasse-Leistungen erreichen. Die Lektion: Wir müssen in Unternehmen weniger auf die perfekten Skills und Talente schauen - und stattdessen Umfelder schaffen, die echtes Wachstum ermöglichen.
2) Deliberate Practice – Gezieltes Training am Limit Polgar hatte einen gezielten Trainingsplan entwickelt und liess seine Töchter ständig an der Grenze ihrer Fähigkeiten trainieren. Die Lektion: Menschen wachsen, wenn sie “gestretcht” bzw. gefordert werden. Persönliche Weiterentwicklung geschieht nicht in der Komfort Zone.
3) Positive Fehlerkultur Fehler waren Lerngelegenheiten und wurden nie bestraft.
Die Lektion: Genau das unterscheidet High-Performance-Kulturen von mittelmässigen: Fehler werden analysiert, nicht vertuscht.
4) Sinn + Leidenschaft Polgar achtete darauf, dass die Freude am Schach nicht verloren ging. Auch wenn es klischeehaft klinkt: Es ging nie nur ums Gewinnen, sondern um Spass. Deshalb brannten die Töchter nicht aus. Die Lektion: Purpose und Freude sind die Basis für Hochleistung.
5) Experimentelles Mindset Polgar sah seine Familie als „Experiment“. Er hatte den Mut, Theorien auszuprobieren und Ergebnisse zu messen. Die Lektion: Wir müssen Experimente zuzulassen, um uns weiter zu entwickeln.
Die Polgar-Geschichte zeigt: Exzellenz ist kein Produkt des Zufalls.
Exzellenz ist das Ergebnis von Kultur, systematischem Lernen und einer Mischung aus Freude und Disziplin.
Eine Frage für dich
Welche Lektion aus dieser Geschichte nehmt ihr mit in den (Arbeits)alltag?
Hat dieser Newsletter dir gefallen? Dann leite ihn an jemanden weiter, dem er auch gefallen könnte. Die Person kann den Newsletter hier abonnieren.